Immer weitergehen

Da der Herbst sich nach wie vor von der besten Seite zeigte, fand ich es angebracht einen Tag Urlaub für eine Wanderung zu investieren. Startpunkt ganz klassisch vor der Haustüre, dann ähnlich klassisch auf den Hausberg, dann mal schauen. Der Start verzögerte sich zwar schon ein wenig, da ich den Wecker überhörte, kurz nach 5 war ich dann aber doch unterwegs. Die Temperatur war gut (also kühl), die Lichtverhältnisse weniger. Das vorige Mal hatte ich zumindest noch einen halben Mond zur Verfügung, diesmal ist Neumond. Immerhin habe ich dazugelernt und eine Stirnlampe eingepackt, die im Schwende-Wald gute Dienste leistet. Danach fängt es eh schon an zu Tagen. Mein Hals ist nicht so recht fit und allgemein fühlt sich das alles etwas mühsam an. Nach kurzem inneren Disput beschließe ich aber erst mal weiter zu gehen.

Als ich dann die Schistraße erreiche beschließe ich gleich bis zum Älpele weiterzugehen und dann mal auf die Uhr zu schauen. Gefühlt ist es schon recht spät – tatsächlich war ich dann doch etwas schneller als vermutet. Dadurch motiviert entscheide ich mich nun doch für die direkte Linie Richtung Leo – vielleicht ist schon jemand wach, ein Tee würde meinem Hals etwas Linderung verschaffen. Im Rucksack finde ich noch Isländisch-Moos-Pastillen, das hilft auch ein bißchen. Es ist eh schon besser. Pfefferminztee mit Zucker, denke ich mir. Hunger habe ich auch ein wenig.

Mir fällt wieder mal eine Tour vor einigen Jahren ein. Badile Nordkante. Eine schnelle Begehung im Sturm. Leider nicht ganz folgenlos, am nächsten Tag wartete ein etwas schmerzhafter Rückweg mit leichten Erfrierungen an den Zehen auf uns. Irgendwann waren wir dann doch wieder im Tal und konnten zum Glück das Personal des einzigen noch geöffneten Hotels überzeugen dass es uns ein dringendes Anliegen wäre doch noch etwas zu Essen zu kriegen. Der Koch hatte ein Einsehen und so kriegten wir für unsere letzten Franken noch ein Rindgulasch und mit Käse überbackene Polenta. Letzteres mochte ich übrigens bis zu jenem Tag eher weniger, seither sehr. Bei der anschließenden Heimreise (unsere Westalpen-Ziele waren mit unseren Füßen jetzt erst mal wieder zu den Akten gelegt) waren die Stutz dann endgültig aus, bei der Heidiland-Raststätte wollte ich um die verbliebenen 50 Rappen noch zwei Schnitten Brot erstehen, die uns die nette Kassierin dann schenkte. Ich vermute mal ich sah ein wenig fertig aus.

Im Berggasthof Niedere regt sich noch nichts, also dränge ich meine Tee-Gulasch-Polenta-Phantasien wieder zurück und ging auch gleich weiter. Erst als ich den Niedere-Grat hinter den Häfen erreiche, mache ich kurz Rast. Trinken, eine Banane, ein Müsliriegel. Mittlerweile ist auch die Sonne da. Ich freue mich – wir werden einen schönen Tag zusammen haben, denke ich mir. Der hohe Ifen ist mittlerweile auch ins Blickfeld gerückt. Grob überschlage ich ob sich das heut noch ausgehen würde – eher nicht, wenn ich nicht im Dunkeln da oben herumirren möchte. Nach ein paar Minuten gehe ich wieder weiter. Zusammengekauert kann ich zwar den leichten Wind vermeiden, frisch ist es aber trotzdem. Vorbei an der Stongenalpe erreiche ich bald den Schreibersattel. Ich mustere kurz die Felsplatten an denen wir vor ein paar Wochen geklettert sind und wandere dann weiter übers Gesertobel nach Hinteregg.

Da ich die Idee auf den Ifen zu gehen mittlerweile eh bereits verworfen habe, steige ich zur Sienspitze auf. Dort war ich schon lange nicht mehr, außerdem müssten Jürgen und Pius von der Richtung kommen. Bald bin ich oben und mache mal eine erste richtige Pause. Salsiccia und Mandelriegel stellen sich als selten versuchte und dennoch überragende Jausenkombination heraus. Wasser habe ich dank einiger Brunnen auch noch genug. Ich warte noch ein wenig, da Jürgen und Pius aber nicht auftauchen beschließe ich ihnen entgegenzugehen. Sie wollenvom Hengstig ausgehend den Grat entlang raus, ich werde eh nach Schönebach weiterziehen.

Etwas verwundert stelle ich fest dass der Grat offenbar markiert ist, immer wieder finde ich Schleifen von Absperrband an einem Baum. Das hindert mich natürlich nicht daran, bei der nächsten kleinen Gratabzweigung gleich mal einen „Verhauer“ zu machen – der Tiefblick einerseits und die Ansicht des weiterführenden Grates zu meiner Rechten andererseits aber machen mir den Fehler bald klar. Also noch mal ein Stück zurück und dann – jetzt wieder von den provisorischen Markierungen begleitet – weiter auf dem richtigen Grat. Die Schleifen stammen offenbar  von einer Grenzbegehung der Bezauer her. Immer ein gute Idee – die Markierung sollte aber wohl besser wieder weg. Abgesehen davon dass die Folienstreifen nicht all zu schnell verrotten werden und vermutlich für das Wild nicht ganz ideal sind kommen so eventuell noch andere auf die selbe Idee wie ich und folgen dem Grat. Was im oberen Bereich noch recht gut geht wird bald danach recht unwegsam.

Jetzt kommen mir auf einmal ein paar Hirschkühe entgegen, bald darauf treffe ich auf Jürgen und Pius. Wir unterhalten uns nur kurz, in beide Richtungen haben wir noch einiges vor uns. Weiter vorne wirds etwas felsig meint Jürgen, da muss ich rechts vorbei. Ja, kenn ich schon.

Das ist die legendäre Ein-Schi-Tritt-Stelle. Mit meinem Vater und Edgar war das vor so einigen Jahren eine recht originelle Schitour. Sibratsgfäll-Hengstig-Sienspitze-Luguntenkopf-Hählekopf-Bizau. Gleich zu Beginn mussten wir da auch an diesen Felsen vorbei, wir querten dann mit Hilfe einer recht schmalen (1 Schi breiten) schneegefüllten Spalte die Felsplatten im oberen Bereich. Zwischen 8 und 9 Stunden, davon vielleicht 30 Minuten Abfahrt. Viel Schnee, viel laufen, wenig Begegnungen. Ein Traumtag und das Abendessen in Bizau bei unserer Oma war mit dem mittlerweile entstandenen Hunger noch besser. Ich denke viel ans Essen heute, scheint mir.

Ich suche ein wenig herum, kann aber die fragliche Stelle nicht zweifelsfrei identifizieren. Vom wahrscheinlichsten Kandidaten mache ich ein Foto und gehe dann unten herum. Dahinter ist es recht steil, sind wir da wirklich raufgefellt? Offenbar, viele andere Varianten gibt es nicht. Danach wird es endlich flacher, ich bin froh, mein Knie macht ziemlich Probleme. Hätte wohl doch eine etwas kürzere Tour wählen sollen, denke ich mir. Bald bin ich aber auf dem Weg nach Schönenbach und verdränge den Gedanken wieder während ich mir überlege wie ich heimkomme. Dort angekommen stelle ich fest, dass zum einen die Gasthäuser zu sind (ob das „heute Ruhetag“-Schild beim Egender wirklich aufgrund des Donnerstags oder den ganzen Winter dort ist weiß ich noch immer nicht sicher) und zum anderen dass natürlich keine Busse fahren.

Na schön – ich hab eh noch eine Menge Znünar und irgendwie bin ich eh froh, ich hätte wohl den Bus genommen. Nach einer kurzen Pause nehme ich also die Straße Richtung Bizau. Bald bin ich im Schatten und gönne mir wieder Jacke und Mütze. Die Sonne ist zwar nur etwa 100 Meter weiter oben, aber hier ist die Straße eisig, merke ich bald. Mit etwas mehr Kleidung ist das aber eh ganz nett, Sonne hatte ich schon so einiges und wenig später auf dem Weg über die Langenalp sehe ich sie wieder.

Mittlerweile habe ich Jürgen mal angerufen. Sie sind beim Hähle, also müsste sich das ganz prächtig ausgehen wenn ich jetzt über die Hilkat zum See-Vorsäss gehe – denke ich jedenfalls. Kurz nach der Hilkat werde ich von oben beäugt – ein Esel genießt die Nachmittagssonne und ist sichtlich neugierig. Er ist nicht allein, hinter dem Rücken finden sich noch ein paar seiner Kollegen. Sonderlich beeindruckt scheinen sie nicht und interessieren sich mehr für das noch übrige Gras.

Kurz darauf am See-Vorsäss sehe ich nichts von den andern beiden und ziehe schon mal weiter. Der Grat Richtung Reuthe (den ich auch nur in der anderen Richtung kenne) zieht sich auch ein wenig und da es Mitte November ist, neigt sich die Sonne bereits langsam wieder dem Horizont zu. Auf dem Grat ist das vorankommen etwas mühsam, immer wieder sind kaum durchdringbare Aufforstungsinseln am Grat, ich bin jedenfalls froh dass ich mir das noch bei Tageslicht zu Gemüte führen kann. Jürgen und Pius melden sich, sie sind erst auf der Seefluh-Alpe, auf die werd ich nicht mehr warten.Als ich endlich zum Känzele komme, dämmert es bereits. Nach fast 11 Stunden überlege ich mir zwar noch kurz den Heimweg über die Bezegg, bin aber dann doch froh dass Beate bereit ist mich abzuholen. Sofort allerdings, sodass ich mir noch einen Schlusssprint vom Känzele bis zur Kirche in Reuthe gönne.

Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Es war ein guter Tag.

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